Die Lust an der Inszenierung des Essens

Die Lust an der Inszenierung des Essens

Ernährung ist Bestandteil des eigenen Lifestyles geworden. Die Lust an der Inszenierung hat auch vor den Speisen und Getränken nicht haltgemacht. Wer gerne gut Essen geht, lässt Freunde und Öffentlichkeit auch schon einmal an seinen Köstlichkeiten teilhaben. Sei es eine wunderschön anzusehende Hauptspeise oder ein Dessert, das Smartphone kommt dabei schnell zum Einsatz. Ein gutes Foto in den sozialen Medien bringt Likes und damit Anerkennung.

Der Blick auf fremde Teller gehört längst zum guten Ton. Nicht nur private Foodies prahlen mit ihrem Lifestyle, auch die Blogger setzen auf kunstvoll inszeniertes Essen, um ihre Beiträge zu pushen. Ein gutes Foto weckt schließlich die Lust auf das Essen selbst. Die Inszenierung wird zum Herzeigen seines sozialen Status. Konnte man diesen früher durch die Zurschaustellung von Haus, Auto oder Smartphone demonstrieren, so hat die öffentliche Darstellung des Privatlebens diese Rolle nun übernommen.

Ohne Foto kein Essen

Zuerst ist das Foto, dann kommt erst das Essen. Diesen Eindruck gewinnt man schnell, wenn man die entsprechenden Hashtags in den sozialen Medien durchforstet. Doch warum fotografieren so viele Menschen gerne ihr Essen und veröffentlichen die Bilder? Der Trend kam auf, als Fotoapparate per Smartphone immer, überall und für jeden zu einem vernünftigen Preis verfügbar waren. Vor der Entwicklung der Geräte wäre wohl niemand auf die Idee gekommen sein Essen zu fotografieren, tagelang auf die Entwicklung zu warten und dann überall herumzuzeigen.

Selbstdarstellung geht über alles

Diese Form der Selbstdarstellung wird von den technischen Möglichkeiten befeuert. Doch das eingenommene Mahl muss schon spektakulär aussehen, damit es wert ist geteilt zu werden. Essen ist heute eine Form der Gruppenmitgliedschaft. Es beweist, zu welchem sozialen Milieu man gehört. Daraus kann man ableiten, welcher sozialen Schicht der Fotograf gehört. Das Ganze funktioniert nach dem Motto: Seht her was ich mir leisten kann. Gleichzeitig kann man diese Fotos aber auch gezielt einsetzen, um eine bestimmte Botschaft zu vermitteln. Wer sich volksnah geben möchte, postet beispielsweise Fotos von Burgern mit Pommes. Was auf den ersten Blick wie eine Entwicklung der letzten zehn Jahre aussieht, hat allerdings eine lange Tradition. An den großen Höfen Europas war es auch in der Vergangenheit üblich, dass große Festessen von Malern in Gemälden festgehalten wurden. Mittlerweile ist es längst ein Massentrend geworden. Alleine in Deutschland gaben zwei von drei Befragten an, ihr Essen schon einmal fotografiert zu haben. Unter den entsprechenden Hashtags findet man auf Instagram mehr als 150 Millionen Bilder.

Selbstdarstellung geht über alles
Selbstdarstellung geht über alles

In den USA hat sich in der Zwischenzeit auch die Forschung mit dem Thema beschäftigt. Die Wissenschaftler fanden dabei Erstaunliches heraus. Sie konnten demonstrieren, dass ein Essen, das zuvor fotografiert wurde, offenbar besser schmeckt. Die entsprechende Studie wurde bereits im Jahr 2016 erstellt und im „Journal of Consumer Marketing“ veröffentlicht. Mahlzeiten, die abgelichtet und im Netz gepostet wurden, waren schmackhafter. Wer von den Studienteilnehmern darauf verzichtete sein Essen zu fotografieren, hatte den Eindruck, dass ihm dabei etwas fehlen würde. Das sind durchaus bedenkliche Entwicklungen. Schließlich ist die Nahrungsaufnahme ein lebenswichtiger Vorgang, der unabhängig von der Meinung anderer, Energie und Freude bringen sollte. Doch die sozialen Medien haben auch in diesem Bereich zu einem dramatischen Wandel unserer Lebensweise geführt.